90
traurig Genial

Japanisch für Hartgesottene, so könnte der deutsche Untertitel von NieR Automata lauten, denn auf diesen philosophischen Trip wäre niemand aus dem Westen gekommen, ganz egal wie hoch sein Drogenkonsum auch sein mag.

Japanisch 2.0

NieR Automata ist der zweite Teil einer Spin-Off-Reihe von Drakengard und gleichzeitig, mit diesem Teil, wohl berühmter als die Hauptserie. Die Handlung spielt in einer fiktiven Zukunft der Erde, in der Aliens mit Maschinen die Menschheit angegriffen haben, diese auf eine Raumstation flüchteten und von hier aus versuchten mit Androiden die Erde zurückzuerobern. So weit so abgedreht. Auch wenn das Spiel aus der Feder von Platinum Games stammt und das Kampfsystem durchaus Ähnlichkeit mit Bayonetta zeigt, sind die Spiele kaum miteinander zu vergleichen. Der leitende Entwickler Taro Yoko ist nämlich nicht für seine krasse Action bekannt, sondern für seine melancholischen Storys und Welten. Wer also ein bonbonbuntes Actionspektakel erwartet wird enttäuscht, da das Spiel fast ausschließlich grau- und brauntöne verwendet, manche Abschnitte spielen sogar vollständig in schwarz und weiß. Auch die melancholische Stimmung ist immer vorherrschend. NieR Automata möchte nicht zum Feiern anregen, sondern zum Nachdenken. Man kann natürlich alles im Kopf ausblenden und hätte immer noch ein recht tristes Action-RPG mit merkwürdigem Gegnerdesign, aber das ist nicht zu empfehlen, den NieR Automata wird genau dann genial wenn man drüber nachdenkt.

Krieg und Frieden in the Future

Ständig stellt NieR Automata fragen nach dem Leben. Wann ist Leben wirklich Leben? Können Maschinen fühlen, können sie empfinden wie Menschen? Sind Androiden, die von Menschen geschaffen wurden besser als die Maschinen? Dürfen sie über anderes „Leben“ richten? NieR Automata ist kein Popcornkino, NieR Automata ist schwere Kost und das im best möglichen Sinne. Trotzdem besitzt dieses Spiel auch unheimlich schöne Fassetten. Als ich das erste Mal den Vergnügungspark der Maschinen besucht habe, war ich überwältitg von den Bildern und der Musik. So sieht Schönheit jenseits aller Werte aus. Immer wieder schafft es NieR Automata schrecklich schöne Bilder zu schaffen, die mich mit heruntergelassener Kinnlade zurück ließen.

 

Japanisch – positiv wie negativ

So unglaublich frisch die Erzählweise ist und so unglaublich toll das audiovisuelle Erlebnis ist, so ärgerlich sind manche japanische Designentscheidungen. Warum muss Protagonistin 2B eine unglaublich hübsche und sehr junge Frau (rein Augenscheinlich) sein? Warum muss sie dazu noch einen ultrakurzen Rock und hochhackige Stiefel tragen, die bis über die Knie gehen? Sie ist eine Kampfmaschine, muss aber rumlaufen wie ein rolliger Teenager auf einer Steampunk Party. Auch die anderen Charaktere haben ähnliche Probleme. Ich verstehe einfach nicht warum in einem düsteres Endzeitdesign „Soldaten“ rumlaufen, als wären sie auf dem Weg zu einer Modenschau. Glaubt wirklich irgendjemand man könne in hochhackigen Stiefeln gut kämpfen?

Ungewöhnliche Mischung

Beim Gameplay ist die japanische Herkunft dagegen durchweg positiv, denn im Westen würde niemand auf die Idee kommen ein episches Rollenspiel mit dem Shoot-em-Up-Genre zu mischen. So seltsam wie sich das anhören mag, so gut funktioniert es letztendlich. Schon in der ersten Szene des Spiels übernehmen wir 2Bs Fluggerät und Spielen eine Szene, die aus Ikaruga oder Musha Aleste stammen könnte. In einer zweiten Phase dieses Flugs verwandelt sich das Gameplay in einen Twinstick-Shooter und auch das fühlt sich sehr gut an. Kurz danach übernehmen wir die direkte Kontrolle von 2B und diese spielt sich ein großes Stück weit wie eine Bayonetta. Das Hacken, das ein Kernelement des Spiels zu einem späteren Zeitpunkt wird ist ein Minispiel-Twinstick-Shooter, bei dem auch die jeweilige Musik im 8 Bit Stil abgespielt wird.

 

Musik, diese fantastische Musik

Der Soundtrack ist über alle Massen erhaben. Er passt einfach perfekt. Die Musik selbst greift sogar Spielgeschehen auf. Mit Sicherheit ist mir auch einiges entgangen, aber was ich gehört habe ist einfach unglaublich. Ich kann mich nicht erinnern jemals einen so durchdachten und stimmungsvollen Soundtrack in einem Videospiel gehört zu haben. Erwartet aber kein Feuerwerk wie beispielsweise in Super Mario Galaxy oder einen treibenden Soundtrack wie in Hotline Miami, denn auch der Soundtrack von NieR Automata ist natürlich melancholisch und sehr bedrückend, aber genau das will er natürlich auch sein.

 

Gute Grafik, die sich bedeckt hält

Ein Grafikfeuerwerk feiert NieR Automata nicht ab, denn das wäre natürlich auch unpassend hier ein bonbonbuntes Effektgewitter wie in Bayonetta 2 zu veranstalten. Brauntöne überwiegen und das sorgt dafür, dass die grafische Qualität, die durchaus vorhanden ist, sich sehr bedeckt hält in dem tristen dieser Welt. Kantenflimmern gab es auf meiner PS4, aber nichts, was einem permanent stören sollte.

Die Enden (spoilerfrei)

Der Umfang des Spiels ist sehr ordentlich, obwohl ihr nach ca. 9 bis 12 Stunden den Abspann sehen werdet, denn ihr solltet das Spiel mehrfach durchspielen. Keine Angst, ihr werdet die Durchgänge nicht einfach wiederholen, sondern in jedem Durchgang werden sich ganz grundlegende Dinge ändern, zu denen ich aber keine Details nennen werde.

Wertung
Gameplay95
Story85
Inszenierung85
Genre-Wertung90
Visualisierung85
Sounddesign100
Bedienung85
Feedback95
Positiv
Frisches Endzeitsetting (weil anders als Fallout)
Klasse Genre-Mix
Platinum Games Action
Melancholische Stimmung
Soundtrack der Spitzenklasse
Negativ
Charakterdesign
Open World ist sehr leer
90
traurig Genial
Fazit
NieR Automata ist kein Spiel für jedermann und das meine ich sehr positiv, denn NieR Automata traut es sich Charakter zu zeigen. Das sehr ungewöhnliche und melancholische Setting ist sehr gewöhnungsbedürftig, lohnt sich aber auf ganzer Linie. Die Perspektivwechsel sind gelungen und der ungewöhnliche Genre-Mix ist eine tolle Abwechslung zum AAA-Titel-Einerlei.