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Retrotastisch!

Endlich ist das neue Spiel von Ron Gilbert erschienen. Als großer Fan seiner LucasArts Spiele wie Maniac Mansion, Zak Mckracken oder Monkey Island habe ich mich wahnsinnig auf Thimbleweed Park gefreut. Ob es die Vorfreude wert war, klären wir im folgenden Test. 

Retro, aber nicht alt 

Der Grafikstil von Thimbleweed Park sieht auf dem ersten Blick wie ein klassisches 8-Bit Point-and-Click- Adventure  aus, jedoch nur auf dem ersten Blick, denn die Beleuchtung und die Scrolling-Techniken wären anno 1987, in dem das Spiel spielt und Rons Maniac Mansion erschienen ist, nicht möglich gewesen. Kritische Stimmen behaupten, dass die Grafik trotzdem völlig veraltet ist und sich mit anderen Adventures, wie z.B. Deponia, nicht messen kann. Das trifft aber nur auf der technischen Seite zu, denn der Stil von Timbleweed Park passt perfekt zum Spiel und treibt mir regelrecht Freudentränen in die Augen.

 

Scumm ist zurück

Das legendäre Eingabetool Scumm (Script Creation Utillity for Maniac Mansion), in Form von Verben, die an der Bildschirmunterseite angebracht sind ist zurück. Fast zumindest, denn die Entwickler von Thimbleweed Park mussten es aus rechtlichen Gründen noch einmal vollständig neu programmieren. Das Gameplay ist somit so klassisch, wie das Point-and-Click-Genre selbst und das soll ja auch genauso sein. Alle, die wie ich Fans der alten LucasArts Adventures sind, sollten inzwischen feuchte Augen bekommen, allen anderen sei gesagt, dass das Point-and-Click-Genre zwar sehr viel mehr Geduld braucht als moderne Action-Kracher, sich diese Investition eurerseits aber lohnt. Vielleicht ist es sogar eure letzte Chance ein Adventure aus der legendären Hand von Ron Gilbert zu spielen, welches nicht schon älter ist als ihr selbst. Betrachtet das Gameplay als eine Reise in eine Zeit, in der Spiele noch eine gut erzählte Handlung und viel Humor hatten und nicht bloß aneinander gereihte grafische Effekte wie ein Michael Bay Film. Die Rätsel in diesem Spiel sind sehr gut gelungen und oft auch anspruchsvoll, wenn auch nie so abgedreht und unfair wie in Monkey Island 2, das aber trotzdem absolut fantastisch ist.

 

Fünf komische Typen müsst ihr sein

Alles beginnt mit einer Leiche unter der Brücke. Diese kann man kurz vor ihrem Tot sogar selbst spielen, quasi wie den Prolog. Diese Leiche wird von zwei Bundesagenten untersucht, einmal von Specialagent Ray und von Junior Agent Reyes. Die Beiden sind die ersten zwei dauerhaften Charaktere im Spiel. Im Verlauf des Spiels kommen noch der stets fluchende Clown Ransome, die Programmiererin Delores und ihr Vater Franklin dazu. Franklin bietet hier auf Grund seiner besonderen persönlichen Umstände ganz spezielle Fähigkeiten. Außer den beiden Bundesagenten und der Figur aus dem Prolog spielen wir für jeden Charakter eine Rückblende zur Einführung. Diese Rückblenden sind eine der wenigen Stellen im Spiel wo wir auf einen Charakter festgelegt sind, sonst können wir meistens frei wählen, mit wem wir welches Rätsel lösen. Jeder hat eine persönliche Motivation, Ransome zum Beispiel interessiert die Leiche überhaupt nicht und selbst die beiden Bundesagenten scheinen noch andere Interessen zu hegen als die Aufklärung des Mordes. Die Beziehung untereinander ist nicht wirklich gut gelöst, denn außerhalb von Story-relevanten Ereignissen haben sich die Charaktere untereinander nichts zu sagen, was schade ist, denn hier wurde Gagpotenzial verschenkt. Da die Dichte an Scherzen eh sehr hoch ist, kann man das jedoch verschmerzen.

 

Die kenn ich und den auch!

Ron Gilbert benutzt Thimbleweed Park auch als riesiges Anspielungssammelsorium für seine alten Hits. Gerade Maniac Mansion wird quasi im Minutentakt rezitiert. Kenner von Maniac Mansion reiben sich spätestens beim ersten Besuch im Diner die Augen, denn dort bedient Sandy die Kunden und Dave steht hinten am Grill. Dave ist der Protagonist von Maniac Mansion und Sandy ist die entführte Freundin von ihm, die wir in Maniac Mansion retten müssen. Auch die perfekte Tarnung in Form einer Brille mit Nase und Bart aus Zak McKracken dürfen natürlich nicht fehlen. Für Kenner ist es immer wieder schön wenn man solche Anspielungen auf vergangene Zeiten entdeckt, denn einige kann man auch durchaus übersehen.


Worte an den besten Geschichtenerzähler meiner Kindheit:

Ron, vielen Dank für dieses Meisterwerk und diese wunderschöne Reise in meine, zugegeben etwas geschönte, Vergangenheit! Ich habe den Zauber und den Charme dieser alten Tage vermisst und du hast genau das zurückgebracht. Wenn du noch mehr Adventures machen möchtest, mein Geld ist dir sicher!

Wertung
Gameplay90
Story90
Inszenierung90
Genre-Wertung85
Visualisierung90
Sounddesign85
Bedienung90
Feedback90
Positiv
super Retro-Optik
toller Humor
tolle Charaktere
Negativ
keine Unterhaltungen zwischen den Charakteren
technisch wenig beeindruckend
es endet irgendwann
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Retrotastisch!
Fazit
Ist dieser altmodische Scheiß was für mein CoD zersetztes Gehirn? Diese Frage muss sich letztendlich wohl jeder selbst beantworten, dennoch würde ich dieses Spiel jedem empfehlen! Allen voran natürlich denen, die wie ich mit den klassische LucasArts Adventures aufgewachsen sind, denn wenn ihr nicht allem abgeschworen habt, was euch damals Spaß gemacht hat, dann werdet ihr Thimbleweed Park lieben, denn genau für euch ist dieses Spiel gemacht. Alle Spätgeborenen sollten diesem Spiel aber trotzdem eine Chance geben, denn in vielerlei Hinsicht ist das Point-and-Click-Genre eine Antithese zur aktuellen Videospielindustrie. Hier wird sich Zeit genommen und auch Geduld vom Spieler verlangt. Hier wird Blödsinn erzählt, weil es Witzig ist und hier darf noch gelacht werden, weil sich das Spiel ganz im Gegensatz zu modernen Spielen, sich keinen Deut ernst nimmt. Reist mit mir zurück in die späten 80er, so wie ich mich an sie erinnere und wie ich sie allen jüngeren Spielern gerne zeigen würde.