Im Jahr 2012 veröffentlicht das deutsche Studio Yager den Third-Person-Shooter Spec Ops: The Line. Als Setting fungiert ein von Sandstürmen eingeschlossenes Dubai. Drei Soldaten namens Walker, Adams und Lugo sollen, nachdem man einen Funkspruch empfangen hat, die Ereignisse untersuchen, warum das 33. Bataillon unter John Konrad von der Rettungsmission der Zivilbevölkerung nie zurückgekehrt ist. Wir spielen Captain Martin Walker, einen früheren untergebenen von John Konrad.

Gerade zu Beginn des Spiels fühlt sich The Line wie eine Third-Person-Variante eines Call of Dutys an. Die Demoversion wird diesen Eindruck auch bis zum Ende nicht los. Leider wirft das ein völlig falsches Licht auf die Story des Spiels, da diese weitaus vielschichtiger und düsterer ist als bei einem Call of Duty. Der Plot lehnt sich sehr stark an das Buch „Herz der Finsternis“ an, das auch schon als Vorlage für den Film Apocalypse Now diente. Das bemerkt man nach einiger Zeit im Spiel deutlich. Die Handlung verläuft düsterer und düsterer. Nie will sich ein Heldengefühl einstellen, nie fühlen wir uns gut, denn Krieg ist nun mal grausam und kein Wochenendabenteuerausflug.

Der Weg den die drei Soldaten gehen, sieht grafisch beeindrucken aus, dies liegt aber nicht nur an der Technik, die 2012 eher zum gehobenen Durchschnitt gehörte, sondern gerade an dem wundervoll unverbrauchtem Setting. Die kargen Wüstenlandschaften mit den Hochhäusern, die teilweise nur noch sehr knapp aus dem Sand herausragen, und die spektakulären Farben in den luxuriösen inneren der Gebäude bieten eindrucksvolle Kulissen. Auch der Soundtrack ist super, Deep Purple’s Hush habe ich noch nie so gut gefunden wie in diesem Spiel und dass ist nur ein Beispiel von vielen tollen Musiktiteln die es ins Spiel geschafft haben.

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Beeindruckend ist auch der Verlauf der Mission der drei Soldaten. Das 33. Bataillon eröffnet sofort das Feuer, schwindelige CIA Agenten kreuzen unseren Weg, Walker wird sogar aufgefordert Menschen hinzurichten und was hat es mit dem Radiosprecher auf sich, der uns schießwütige Soldaten auf den Hals hetzt? Lange Zeit über hat der Spieler überhaupt keine Ahnung was in Dubai los ist und das ist genau so gewollt.

Yager geht einen Weg in dem das Pathos schnell verblasst und die anfangs noch so markigen Sprüche der Protagonisten verstummen bald, denn jede Entscheidung die wir treffen fordert Opfer und egal wie sehr wir uns bemühen, egal wie gut wir kämpfen, es wird schlimmer. Im Krieg ist es nun mal nicht so wie bei Call of Duty, dass ein Mensch allein einen Krieg wenden oder sogar allein gewinnen kann. Dieser ernste Umgang ist bestimmt nichts für Leute die eine lockere Abendunterhaltung suchen, aber es ist gleichzeitig auch so viel mehr als nur Unterhaltung, denn Yager zeigt uns mit dieser Story sogar wie dumm Spiele wie Call of Duty mit ihren Themen umgehen.
Damit kommen wir direkt zu meiner Lieblingsszene im ganzen Spiel. Es gibt einen Moment, wo die drei durch ein Lager des 33. Bataillons am Vorankommen gehindert werden. Da ein Umgehen zu lange dauern würde, entscheidet sich Walker das Lager mit weißem Phosphor per Mörser zu bombardieren. Da man während des Bombardements aus einer Vogelperspektive heraus auf das Lager blickt, erinnert das ganze sehr stark an die Mission „Tod von oben“ aus Call of Duty 4: Modern Warfare, aber anders als im Original endet die Szene nicht nach dem Bombardement sondern jetzt müssen wir das vernichtete Lager durchqueren. Diese wenigen Minuten die dann folgen haben sich in mein Gehirn gebrannt. Während ich bei Modern Warfare nur per Funk Jubel höre, weil ich „Ziele“ ausgeschaltet habe, muss ich bei The Line durch ein Horrorszenario laufen. Halb verbrannte Soldaten schreien erbärmlich in den letzten Augenblicken vor ihrem Tod und es besteht kein Zweifel daran, dass ich es war der ihnen das angetan hat und als wenn das nicht schon Bilder waren, die man nicht wieder vergisst wartet am Ende des Horrorweges eine noch schlimmere Überraschung, die ich aber auf keinen Fall spoilern möchte. Dieser schreckliche Moment, dieses aufgezwungene Reflektieren der eigenen Taten habe ich nicht erwartet und ist für mich einer der besten und schlimmsten Momente in der Videospielgeschichte!

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Leider war Spec Ops: The Line alles andere als ein kommerzieller Erfolg. Ich tippe mal, weil ein Großteil der Spielerschafft eben doch lieber die schön einfach gehaltenen Call of Duty Storys spielt, anstatt etwas wo man mit moralischen Fragen konfrontiert wird wie in The Line. Wenn ihr Spec Ops: The Line noch nicht gespielt habt, dann holt es nach! Es lohnt sich, denn es ist definitiv einzigartig. Es ist für PS3, Xbox 360 und dem PC erschienen und kostet heutzutage keine 10 Euro mehr und ihr müsst es auf jeden Fall durchspielen, weil sich die gesamte Story erst ganz am Ende völlig entfaltet. Gebt solch mutigen Projekten eine Chance, damit wir mehr Perlen wie diese bekommen, anstatt immer denselben pathos-triefenden Brei und überdenkt doch vielleicht mal warum Storys von Call of Duty, Battlefield und Co. immer so ein Blödsinn sind. Ich behaupte sogar, dass die Wahrnehmung unseres Lieblingsmediums unter Nichtspielern ein weitaus höheres Ansehen hätte, als es das heutzutage der Fall ist, wenn mehr Spiele sich so ernsthaft mit ihren Themen beschäftigen würden. Bei Spec Ops: The Line werdet ihr keine Feel-Good-Arie erleben, auch werdet ihr die Welt nicht retten, ihr werdet euch sogar richtig schlecht fühlen, aber genau das ist es, was Spec Ops: The Line so großartig macht!