Vielen Menschen ist das Jahr 2008 vor allem durch den Wahlsieg eines gewissen Barack Obama in Erinnerung geblieben; Hack’n’Slay Fans hingegen, feierten in diesem Jahr das Erscheinen des bis dato besten Devil May Cry-Ablegers aller Zeiten: Devil May Cry 4. 2015, ganze 7 Jahren später, erscheint mit DMC4: Special Edition die Neuauflage des Capcom-Klassikers: Es winken 1080p, 60 FPS und ganz wichtig – mehr spielbare Charaktere.

Mit dem Reboot der Erfolgsreihe DMC: Devil May Cry aus dem Jahr 2013 spaltete Capcom die Community. Das Spiel aus der Sicht eines jüngeren Dante war technisch im neuen Konsolenzeitalter angekommen, lieferte interessante Informationen zur Hintergrundgeschichte von Dante und seinem Bruder Vergil und sah einfach toll aus. Allerdings fühlten sich viele der alteingesessenen DMC-Fans um Ihre geforderte Portion Nostalgie betrogen Die Entrüstung fing mit den schwarzen Haaren ihres liebsten Dämonenjägers an und endete bei seinem komplett veränderten Kampftechniken. Capcom befand sich nun also in einer Situation, in der kein Spielestudio gerne ist: Man hatte die alteingesessenen DMC-Puristen gegen sich aufgebracht und in deren Augen ein ganzes Franchise verstümmelt. Ganz nach dem Motto: Opium fürs Volk oder um bei Obama zu bleiben: Yes, we can (give you nostalgia)! hat Capcom eine überarbeitete Version des Franchiseprimus: Devil May Cry 4 als Special Edition auf den Markt gebracht, ganz nebenbei, das meisterverkaufte DMC-Spiel aller Zeiten.

Import vom PC: Legendary Dark Knight

Die erste und wohl größte Neuerung fällt bereits im Menü auf. Unter dem vertrauten DMC-Logo prangt einmal der Marketingstreich Special Edition und die Wahl als entweder Nero/Dante, Vergil, Lady/Trish oder Legendary Dark Knight zu spielen. Letzteres ist bereits aus der PC-Version vom DMC4 bekannt und ist nichts weiter, also ein erhöhter Schwierigkeitsgrad mit wesentlich mehr Gegnern zum Dahinschnetzeln.

Charakterliche Vielfalt

Charaktere

Da die klassische Singleplayer-Kampagne inhaltlich nicht verändert wurde, werden sich DMC-Veteranen natürlich an jedes Level, jeden Gegner, jeden wichtigen Kniff erinnern und können sich daher sogleich mit einem der neuen Charaktere ins Gemetzel stürzen. Neulinge sollten traditionell mit Nero/Dante beginnen, da man hier nach wie vor am meisten Storyelemente serviert bekommt. Hier muss auch gesagt sein, dass die neuen Charaktere kaum eigene Videozwischensequenzen bekommen haben, es werden fast ausschließlich die Sequenzen aus dem Originalwerk eingespielt. Aber wenn wir ganz ehrlich sein sollen, liegt die Stärke der Special Edition keineswegs im bahnbrechenden Storytelling oder charakterlicher Tiefe, sondern in den schier endlosen Möglichkeiten die Horden von Gegnern zu plätten.

Nero, welcher in der Regel der erste Charakter ist, welchen man in die Hände bekommt, spielt sich sehr einsteigerfreundlich. Mit seiner verlängerbaren Hand, dem Devil Bringer, kann man Gegner ganz in Mr. Fantasic-Manier an sich heranziehen oder wegschleudern, um sie dann mit dem Schwert Red Queen zu erledigen. Typisch für diese Art Spiel: Nero kann seine Schwertangriffe aufladen, dabei muss er zwar stehen bleiben und ist somit schutzlos, allerdings kann er auf Knopfdruck die aufgeladene Kraft entladen. Das nötige Timing hat man nach ein paar Minuten in den Griffeln.

Nero nimmt zwar den Löwenteil des Storymodus für sich ein, trotzdem kommt man irgendwann zu Dante. Dieser, hier noch/wieder mit weißer Mähne, ist sehr viel komplexer als Nero, ist daher aber auch sehr viel abwechslungsreicher. Capcom hält wieder an seinem Style-System von DMC3 fest, somit kann der Spieler zwischen Swordmaster, Trickster, Gunslinger oder Royal Guard wählen. Wohingegen man in Teil 3 vor jedem Level einen Style wählen musste, kann Dante nun ständig, auch während der Kämpfe, zwischen seinen Styles wechseln. Dies ist anfangs arg verwirrend und man verweilt meist in einem Style, so entwickelt man mit der Zeit ein Gefühl für das System und sobald verinnerlicht, ist Dante nicht mehr aufzuhalten und wirbelt förmlich durch seine Gegner.

Böser Streberzwilling

Vergil

Ebenfalls spielbar in DMC3, oder vielmehr in der DMC3: Special Edition ist Vergil. Dantes älterer Zwillingsbruder mit dem Mutterkomplex und dem in Asien so geliebten Emotouch, ist der wohl meist durchdachte neue Charakter. Als Meister des Schwertes Yamato ist Vergil ein reiner Nahekämpfer – so hasst er ja auch seit jeher Schusswaffen – welcher durch sein Phantomschwert allerdings auf kurzen Strecken teleportieren kann. Dies ist nicht nur praktisch um Abgründe zu überqueren, so lassen sich auch wirkungsvoll die Abstände zu Fernkämpfern überbrücken. Seinem Ruf als Streber wird Vergil auch gerecht und zwar durch seine passive Fähigkeit: Umso effizienter er kämpft, umso stärker werden seine Attacken. Lässt sich der Spieler also gar nicht treffen, bleibt immer nahe an seinen Gegnern und bewegt sich nur so weit wie nötig, lädt sich ein Balken auf, welcher beim Erreichen von 100% einen ziemlichen coolen Finishing-Move freischaltet.

Hier sind die Frauen klar Chef im Ring

Trish

Abgerundet hat Capcom diese illustre Runde durch das weibliche Duo: Trish und Lady. Wer jetzt glaubt, dass Capcom nur aktuellen politischen Entscheidungen folgt und zwangsweise eine Frauenquote einbringt, der wird überrascht sein. Die beiden Powerfrauen sind derart stark und abwechslungsreich in Ihren Fähigkeiten, dass sie besonders die beiden Protagonisten Nero und Dante alt aussehen lassen.

Trish, bereits in DMC2 spielbar, wechselt ebenso wie Dante zwischen verschiedenen Waffen. Allerdings nicht auf Knopfdruck, sondern während ihrer Kombos. So kämpft sie hauptsächlich mit dem Schwert, benutzt aber von gigantischen Laserkanonen, über Pistolen oder schlicht ihre Hände, ein ganzes Arsenal an Waffen. Da man hier nur eine Liste an Kombos lernen muss, ist Trish mit Sicherheit der einfachste Charakter, gleichzeitig aber der, mit den bombastischsten Animationen. Wer einen totalen Clusterfuck-Charakter spielen möchte, ist bei Trish richtig aufgehoben – einzig das um sich werfen von Motorrädern fehlt.

Lady

Schlussendlich kommen wir zum Küken oder auch der Premiere eines erstmals spielbaren Charakters: Lady. Ladys gesamtes Wesen ist um die Benutzung von Feuerwaffen aufgebaut. Zieht man in Betracht, dass fast jeder Charakter in DMC Feuerwaffen benutzen kann, eigentlich nichts Besonderes, trotzdem spielt sich Lady total anders. Alle anderen Charaktere nutzen ihre Schusswaffen meistens, als Backup fürs Schwert, um den Abstand zu Gegnern leichter überbrücken zu können. Ladys Hauptwaffe ist aber nun einmal kein Schwert, sondern Pistolen, eine Schrotflinte und ihr geliebter Raketenwerfer. Somit ändert sich der gesamte Spielstil: Wo Dante GmbH & Co.KG an die Gegner heran müssen um diese zu verdreschen, muss Lady den Abstand zu den Gegnern halten. Und dabei nutzt sie ihre Waffen auf eine sehr kreative Art und Weise: Wo andere Charaktere einen Double-Jump ausführen, schießt Lady im Sprung mit dem Raketenwerfer auf den Boden um weiter nach oben zu schnellen. Generell lernt man den Rückstoß der Waffen zu nutzen, um die nötige Distanz zu wahren. Einmal gemeistert ist Lady aber auch der stärkste Charakter im Spiel, denn die Urversion, welche man hier nun einmal vor sich hat, ist für Meleecharaktere ausgelegt worden und somit fallen ihr besonders die Frustbosse der anderen Charaktere sehr viel leichter.

Auch die hohlste Nuß will noch geknackt sein

LDKM

Gerade der Schwierigkeitsgrad ist von vielen Spielern bei DMC4 kritisiert worden – es war schlichtweg zu einfach. Hier hat Capcom nachgebessert und so stehen viele verschiedene Schwierigkeitsgrade und Modi zu Verfügung, bis hin zum ursprünglich PC-exklusiven Legendary Dark Knight Modus. Hier lassen sich besonders viele Gegner, mit erhöhten HP- und Schadenswerten erlegen und das bei halbierten HP des Spielers – dieser Modus ist ein wahrer Überlebenskampf und nichts für Choleriker oder Menschen mit zu hohem Blutdruck. Aber genau dieser Modus verinnerlicht das, wofür Devil May Cry-Fans erster Stunde, diese Spielreihe zu lieben gelernt haben.

Mit Devil May Cry 4: Special Edition hat Capcom auf dem Papier erst einmal nur einen HD-Aufguss des Originaltitels von 2008 auf den Markt geworfen. Der Storymodus ist unverändert und die Grafik ist letztlich veraltet, wenngleich das Bild auf unserer Xbox One fast immer in gestochen scharfen 1080p und flüssigen 60 FPS aufwartet. Der wahre Schatz der Special Edition liegt in den neuen spielbaren Charakteren: Vergil, Trish und Lady. Mit allen dreien macht auch das mehrfache Durchspielen einen Heidenspaß, denn die Fähigkeiten sind abwechslungsreich, witzig und sehen einfach toll aus. Mit Trish und Nero sind gleich zwei einstiegsfreundliche Charaktere für Neulinge vorhanden und mit dem Legendary Dark Knight Modus werden auch Kenner voll auf ihre Kosten kommen. Einzig Spieler, die Wert auf eine neue Story legen, sollten das Spiel im Regal links liegen lassen.
Gameplay90
Visualisierung50
Story & Integration50
Genre-Wertung80
Feedback80
Positiv
Tolle neue Charaktere
Mehr Schwierigkeitsgrade
Scharfe 1080p und flüssige 60 FPS
Negativ
Story ohne jede Neuerung
Grafik/Texturen veraltet
70