Krieg verkauft sich. Krieg ist cool, voller high-end Effekte und bis zum Erbrechen gefüllt mit heldenhaften Charakteren. Und natürlich stehen wir immer auf der Seite der „Guten“, auf der Seite der Sieger. Dieses Bild erzeugen zumindest die meisten Videospiele, die sich mit dem Thema beschäftigen. Das Team von 11 bit Studios  öffnet uns nun jedoch einen völlig anderen Blickwinkel. Welcher das ist erfahrt ihr in unserem Review.

Wie lange hat diese Belagerung gedauert? Es ist schwer zu sagen, wenn jeder Tag ein Überlebenskampf ist. Die Stadt wimmelt nur so von Scharfschützen. Fast jede Nacht gibt es eine Bombardierung. Telefone funktionieren nicht, es besteht ein Mangel an Nahrungsmitteln und Medikamenten und viele Menschen sind obdachlos.This War Of Mine
Tag 1

Mit obigem Zitat und einigen Informationen zu unseren Protagonisten werden wir direkt ins Geschehen geworfen. Eine Gruppe von drei Überlebenden, die sich zum Teil schon vor dem Krieg kannten, hat sich in ein zerbombtes Haus zurück gezogen. Dort haben wir zwar viel Platz, aber auch viel zu tun und nur wenig Ressourcen. Warum es zum Krieg gekommen ist, oder wer da eigentlich gegen wen kämpft ist egal, es geht für unsere Gruppe nur um eins: Überleben!

TWOM - Krieg

Ein Zitat von Ernest Hemingway dient als Intro und Einstimmung auf das Setting von ‚This War Of Mine‘.

Jedes Mitglied unserer Gruppe hat einen eigenen Charakter, eigene Fähigkeiten und bringt eine individuelle Geschichte mit, die vor Ausbruch des Krieges in Pogoren spielt. Pogoren ist der fiktive Schauplatz von ‚This War Of Mine‘, dessen einzelne Teilgebiete jedoch echten Kriegsschauplätzen nachempfunden wurden. Und während wir tagsüber in unserem Unterschlupf bleiben, um nicht von lauernden Scharfschützen oder umherziehenden Patrouillen überrascht zu werden, ziehen wir in der Nacht los um die Stadt zu erkunden und Lebensmittel, Medikamente, Baumaterial und Waffen zu suchen. Dabei teilen wir unser Team auf, einer zieht los, andere schlafen oder halten Wache.
Tagsüber schlafen dann die, die nachts wach waren. Wer ausgeschlafen hat kümmert sich um die Verbesserung des Unterschlupfs, bereitet Essen zu oder versucht im selbstgebauten Radio Neuigkeiten zu erfahren. Alles nicht sehr actionreich, aber elementar um das Ziel zu erreichen.

Die Qual der Wahl
TWOM - Boris

In der Charakterübersicht erhalten wir Informationen über die Geschichte eines jeden Teammitglieds, sowie dessen Gedanken zu vergangenen Ereignissen.

This War Of Mine stellt den Spieler ständig vor Entscheidungen. Angefangen bei der Frage, ob die gesammelten Materialien zuerst für Betten, oder doch für den Bau eines Regenwassertanks verwendet werden, über die Entscheidung, welches unserer Teammitglieder für die nächste Plündertour am besten geeignet ist, bis hin zur Frage, ob wir andere Überlebende ausrauben um einen weiteren Tag zu gewinnen, oder ob wir ihnen Ihre Besitztümer lassen und dafür unsere eigenen Chancen schmälern. Jede dieser Entscheidungen wirkt sich unmittelbar auf das Spielgeschehen aus und beeinflusst unsere Gruppe mehr oder weniger stark. Weisen wir einen Überlebenden ab, der uns darum bittet seinem verletzten Bruder zu helfen, passiert nicht zwangsläufig sofort etwas, doch diese Entscheidung beeinflusst die Moral unserer Gruppe und damit auch zukünftige Ereignisse.
Ein Beispiel: Als Teammitglied Boris in der neunten Nacht auf einer Plündertour überrascht wird und einen anderen Überlebenden tötet nimmt ihn dieses Ereignis schwer mit, in den Folgenächten schläft er kaum, fühlt sich krank und ist deutlich weniger belastbar, und auch den Rest unserer Gruppe lässt das Erlebte nicht kalt.

Sehr menschlich

Obwohl es keinen klar erkennbaren Hauptcharakter gibt, schafft das Team von 11 bit Studios es, eine fast schon persönliche Bindung an die Protagonisten von This War Of Mine zu schaffen. Jede Entscheidung die der Spieler trifft kann, und sollte, gründlich abgewogen werden. Lässt man sich auf das Spiel ein, so lädt es zum Nachdenken ein und die Frage „Würde ich in echt auch so handeln?“ kommt erstaunlich oft auf und wird mit fortschreitender Zeit immer schwieriger zu beantworten.

Krieg in Graustufen
TWOM - UI

Das User-Interface ist übersichtlich und leicht zu verstehen.

Die Aufmachung von This War Of Mine unterstützt die bedrückende Atmosphäre, die schon das Setting erzeugt, recht gut. Bunte Farben gibt es im Spiel kaum, stattdessen viel Grau und einen Grafikstil, der an Kohle- oder Bleistifstzeichnungen erinnert. Nachts ist zusätzlich alles, was nicht im Sichtfeld eines Charakters liegt unscharf und lediglich Geräuschquellen werden auf Hörweite hervorgehoben. Unterstrichen wird dies von einem unaufdringlichen, aber sehr passenden Soundtrack, der die Situationen passend untermalt und noch einmal verstärkend auf den bedrückenden Eindruck des Spiels einwirkt. Fröhlicher wird es nur, wenn wir das Radio in unserer Basis einschalten und so lange durch die Frequenzen suchen, bis wir etwas klassische Musik gefunden haben.

Fazit
This War Of Mine ist ein längst überfälliges Spiel, dass das Thema Krieg einmal von einer Seite beleuchtet, die sonst meistens untergeht. Hier stehen die Zivilisten und deren Schicksale im Mittelpunkt, nicht die Heldentaten eines einzelnen Soldaten, der quasi im Alleingang die Welt rettet. Dieses Spiel eignet sich sicherlich nicht für Spieler, die nur mal eben zwischendurch etwas Action abgreifen wollen und setzt noch dazu eine gewisse emotionale Reife voraus. Für Spieler, die bereit sind sich kritisch mit einem Thema auseinander zu setzten und sich auf die unheimlich dichte Atmosphäre einlassen wollen ist This War Of Mine jedoch eine klare Empfehlung.
Gameplay95
Visualisierung100
Story & Integration95
Genre-Wertung90
Feedback100
Postiv
Dichte Atmosphäre
Individuelle Charaktere
Spannender Perspektivwechsel
Negativ
Keine direkten Interaktionsmöglichkeiten im Team
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