Eine Apokalypse ist so wie wir es im Normalfall kennen ziemlich grau, gefährlich und wir haben alle Menschen verloren, die uns etwas bedeuten. Zwei dieser Dinge treffen auch auf Sunset Overdrive zu, doch im Gegensatz zu DayZ oder Dead Island ist Sunset City – ich nenne es lieber Chaos City – bunt, amüsant und absolut chaotisch und abgedreht. Ob das jedoch für ein gutes Spiel reicht, erfahrt ihr im Test zu Sunset Overdrive.

Es ist eine graue Welt und ständig drohen, manchmal in der Ferne und manchmal ganz in der Nähe, Konflikt auszubrechen, die ich gerne als kleine Apokalypse bezeichne … Falls ihr nicht wisst über was ich sprechen, dann schaut jetzt aus eurem Fenster und falls ihr keines im Zimmer habt, dann öffnet Google Earth. Falls ihr also auch eine spaßige und abgedrehte Apokalypse vorzieht und ihr ein paar Stunden der grauen Realität entfliehen möchtet, dann seid ihr hier zum Test von Sunset Overdrive genau richtig.

 

Willkommen in Chaos City

Eine Apokalypse hat stets einen abrupten Anfang, doch nur selten ein schnelles Ende und in Sunset Overdrive startet die Apokalypse in Sunset City (für mich Chaos City, dazu später mehr), mit einem verseuchten Energydrink mit dem schönen Namen OverCharge Delirium XT, für die meisten jedoch einfach nur OverCharge. OverCharge hat nun fast die gesamte Bevölkerung von Sunset City in orange Mutanten verwandelt, die ihre Dosen im Arsch verstecken. Zumindest wird das so angedeutet. Ihr merkt schon, dass der Plot des Spiels nur ein Aufhänger und absolut durchgeknallt ist und um ehrlich zu sein, solltet ihr von der Story auch nicht mehr erwarten als das.

Wovon ihr aber absolut mehr erwarten dürft ist die Charaktererstellung. Diese ist im groben gesagt, ziemlich genial geraten. So gibt es keinerlei Einschränkung bei der Kleidungswahl eures Charakters. Zum Beispiel kann ich meinem Muskelbepackten Kerl einen pinken Minirock anziehen lassen und als Oberteil hat er eine Jeansweste mit einem Blumenkranz, die ihr vermutlich von Hawaii kennt, an. Und das gilt noch als normal. Ihr seht also euch sind keine richtigen Grenzen gesagt, auch weil ihr mitten im Spiel, mit ein paar Klicks euren Charakter zu einer Frau machen könnt und umgekehrt. Zudem hat man sich bei Insomniac Games einen kleinen Scherz mit den fehlenden weiblichen Assassinen in Assassin’s Creed (Hauptreihe) erlaubt, der hervorragend funktioniert.

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Im Allgemeinen wird der Humor des Spiels groß geschrieben und ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass der Humor unter anderem das Beste am Spiel ist. Natürlich ist Humor eine absolute Geschmackssache, doch bei mir konnte der überdrehte Humor, der auch nicht davor zurückschreckt die vierte Wand zu brechen, Sozialkritik zu üben oder Zitate auf die Popkultur zu bringen, einschlagen wie eine Bombe. Zumal kennen die Entwickler auch keinerlei Grenzen und bringen wahrlich den ein oder anderen wirklich bösen Gag (siehe weibliche Assassinen) … doch der beste wird immer noch sein, wenn dein Charakter den Wissenschaftler Floyd als Heisenberg (Walter Whites altes Ego aus Breaking Bad) bezeichnet. Zumindest war er für mich am besten.

 

Für bunte Abwechslung ist gesorgt

Wer auch nur ein Bild oder selbst die Trailer gesehen hat, wird wohl vermutlich von den grellen Farben förmlich blind. Schließlich ist der gemeine Gamer nach Dark Souls, Call of Duty, Destiny und Co. diese Farbenpracht gar nicht mehr gewohnt. Noch schlimmer wird es sogar, wenn es Missionen gibt, die nachts spielen, dann wird euer Bildschirm von grellen Neonfarben überflutet. Im Grunde ist es eine willkommene Abwechslung, all diese Farben zuhaben und der Comichafte Artstyle profitiert davon enorm. Tatsächlich sieht die Spielwelt an manchen Ecken so aus, als hätte sie ein Kind mit einem Ausmalbild gemalt. Ich glaube, ihr könnt euch nun ziemlich gut vorstellen wie sie aussieht. Ziemlich chaotisch, aber liebenswürdig und mit einem kindlichen Charme.

Liebenswürdig sind auch viele Missionen in Sunset Overdrive. Zwar gibt es auch einige Nebenmissionen, die euch einfach nur an einen Ort schicken, dort euch etwas abholen lassen oder ihr müsst den Ort verteidigen, doch dann gibt es da noch die Missionen, die nach Schema F klingen, aber eine eins A mit drei Sternen sind. Zuviel davon möchte ich euch gar nicht erzählen, doch meine Lieblingsmission kann ich euch, zumindest zum Teil schildern: stellt euch vor ihr habt einen mechanischen Hund, der ein Killerhund ist, und durch den Befehl von Plüschkätzchen, die ihr abschießt, alles vernichtet was sich im angegeben Radius befindet. Das ist nicht nur eine der vielen sehr skurrilen Waffen, sondern auch Teil einer grandiosen Mission, die von der Aufgabe her langweilig klingt, die aber zu einer ganz besonderen Mission mutiert.

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Da wir gerade bei den Waffen sind, kann ich euch sagen, dass Insomniac Games seiner Linie treu bleibt und allerhand abgedrehtes abfeiert. Von Waffen die mit Bowlingkugeln schießen, über einen Discwerfer – der für mich eine eindeutige Hommage an die Szene aus Shawn of the Dead ist – und teilweise ist das noch das normale Zeuge, denn es geht noch abgedrehter. Besonders wenn man über das Monsterdesign sprechen möchte. Das ist, genau wie das Waffendesign, grandios geworden. Von den Mutanten gibt es unterschiedliche Arten: normale, Spawner, die Kotzer (so nenne ich sie), die Selbstmordmutanten, die dürfen natürlich nicht fehlen, und noch mehr. Zwar gibt es auch außerhalb der Mutanten noch Menschen und Maschinen, gegen die man kämpft, doch die regulären und besten Gegner bleiben die Mutanten.

 

Da hört der Spaß auf!

Okay, das mag ein wenig hart klingen, doch leider gibt es auch negatives über Sunset Overdrive zu berichten. Angefangen mit der Technik, denn obwohl die bunten Farben es gut kaschieren können, so ist die Weitsicht ziemlich mies und in der Ferne sind Texturen zu erkennen, die aus Playstation 1 Zeiten stammen. Hätte man keine offene Spielwelt ohne Ladezeiten, hätte man das bestimmt beheben können, doch der Flow des Gameplays darf man auf keinen Fall unterbrechen, das hat zum Glück auch Insomniac Games erkannt und somit könnt ihr die gesamte Spielwelt ohne Ladezeiten bereisen, was jedoch zu schwächeren Texturen führte.

Darüber hinaus sind die Charaktere leider ziemlich blass, zwar haben alle ihre abgedrehte Art und passen an sich perfekt ins Spiel, doch erfahren tut man nur von den wenigsten etwas. Das ist schade und da wäre definitiv mehr drin gewesen.

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Am schlimmsten sind jedoch die Frustmomente des Spiels. Zwar sind die Checkpoints fair gesetzt, doch der kleinste Fehler kann schnell euer Leben kosten, besonders wenn eine Horde Mutanten hinter euch her ist und die sind stets hinter euch her. Zum Glück überdeckt Insomniac Games diese Momente mit den Respawnanimationen, für die man zum Teil sogar gerne stirbt. Da hat Insomniac Games also zumindest eine Art Wiedergutmachung eingebaut. Einen Eindruck der Animationen erhaltet ihr am besten durch handfestes Bildmaterial aus dem Launch Trailer (weiter unten zu bestaunen). Das sagt mehr aus als tausend Worte und dadurch, dass diese aber auch so schnell wieder vorbei sind, kann die Action sofort wieder weitergehen.

 

Grinden, Hüpfen und dann erst die Fresse polieren (lassen)

Jetzt wo wir fast alles abgehackt haben, wird es Zeit über das Gameplay zu sprechen. Das ist mit den Grinden im Stile der Tony Hawk-Spiele und der Möglichkeit auf alles zu springen schlechtweg unglaublich gut. Stets ist man in Bewegung, denn wer sich nicht bewegt stirbt. Das ist die wohl einzige Regel, die es in Sunset Overdrive zu beachten gilt. Solltet ihr diese Regel nicht beachten, werdet ihr mit einem Ufo oder mit einer aus dem Boden fahrenden Telefonzelle wieder in die Welt zurückgesetzt.

Aber auch außerhalb des wirklich spaßigen Gunplays, weiß das Gameplay zu überzeugen. Durch das schnelle aufleveln eurer Fähigkeiten und Waffen, bekommt ihr stetig neue Möglichkeiten eure Feinde fertig zu machen. Helfen werden euch dabei besonders die Amps, das sind besondere Upgrades für eure Waffen und euren Helden, die euch zum Beispiel bei einem vollen Style-Meter Feuerbälle verschießen lassen, sobald ihr Nahkampf betreibt.

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Der Style-Meter ist dabei der beste Freund von euch, denn dieser sorgt für mehr Explosionen und Chaos in den Kämpfen, zumindest wenn ihr die richtigen Amps und Overdrives einsetzt. Overdrives sind quasi die Fähigkeiten des Charakters. Nur ein Beispiel aber, je mehr ihr bei einer Vollautomatischen Waffe schießt, desto mehr Punkte bekommt ihr auf euren Charakter. Habt ihr eine bestimmte Anzahl erreicht, könnt ihr einen Bonus freischalten, wodurch eure Vollautomatische Waffe in dem Bereich eurer Wahl besser wird.

Den Style-Meter erhöht ihr durch das Grinden und Springen, abwechselnd erhaltet ihr mehr Punkte und eure Anzeige wird schneller voll. Verbindet ihr das mit dem Töten von Gegner, während dem Grinden oder Springen und es geht noch schneller. Das ist ungemein befriedigend und treibt euch in einen ständigen Sog, euren Style-Meter stets oben zuhalten, damit ihr einfach mehr Chaos stiftet.

 

Acht Chaoten treiben ihr Unwesen!

Natürlich darf ein Multiplayer in Sunset Overdrive nicht fehlen, dieser ist eher ein Koop-Modus, aber egal. Wie der Name schon sagt, Chaoskommando, entpuppt sich der Multiplayer als ein großes, nie endendes, Chaos. Mit euren acht Kumpanen beschreitet ihr Missionen, wie Gebiete von Gegner säubern, Punkte durch richtiges Grinden und Springen sammeln und noch vieles mehr. Am Ende werden alle eure Punkte die ihr durch das erledigen der Missionen bekommt, abgerechnet und ihr erhaltet Belohnungen, ob es nun Geld oder ein neues Kleidungsstück ist, liegt ganz an eurem können. Leider fehlt es dem Chaoskommando am Witz und Humor der Kampagne, was dazu führt, dass dieser ein wenig sauer schmeckt und aufgesetzt wirkt. Trotzdem macht er zumindest am Tag ein bis zwei Runden lang spaß. Das war es dann aber auch für einen Tag … oder für eine Woche.

Sunset Overdrive bietet Freiheiten ohne Ende. Das Gameplay ist nahezu perfekt geraten, genauso wie das Waffen- und Monsterdesign. Das Missionsdesign ist in der Gesamtansicht gut gelungen. Zudem ist die Spielwelt, durch seine knalligen Farben und den Artstyle, liebenswürdig zusammengebaut und wirkt wie aus einem Guss und der Humor schlägt bei mir genau in die richtige Kerbe. Einen etwas schlechten Nebengeschmack verursacht die Technik und die gelegentlichen Frustmomente, sowie die fehlende Tiefe der Charaktere und die Story ist im Grunde nur ein Aufhänger. Nichts desto trotz, macht Sunset Overdrive verdammt viel Spaß und legt den Grundstein für ein neues Franchise für Insomniac Games und Microsoft. Wer also mit alldem was anfangen kann, bekommt ein hervorragendes Open World-Spiel und für Xbox One-Besitzer gibt es kaum einen Grund, nicht zuzuschlagen. Also, holt es euch.
Gameplay100
V90
Story & Integration60
Genre-Wertung70
Feedback80
Postiv
Spritziger Artstyle, abgedrehtes Waffen- und Monsterdesign
Nie endender Spielfluss, spaßiges Gameplay
Herausragender Humor
Negativ
Schwache Technik
Story nur ein Aufhänger
Mutliplayer wirkt aufgesetzt
80